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Spielgerät:
ein leichter, weicher Ball
Regeln:
Wer den Ball erobert hat, versucht, die Anderen damit abzutreffen.
Wer getroffen wurde, setzt sich an den Rand und darf erst wieder
mitspielen, wenn jemand Anderes getroffen wurde. Treffer an den Händen
zählen nicht, den Ball zu fangen, abzublocken oder umzulenken ist also
erlaubt.
Ablauf:
Spielrunden wechseln ab mit kurzen Gesprächsrunden.
Nach
der ersten Spielrunde bitten Sie die Teilnehmer, bei der nächsten
Spielrunde einmal darauf zu achten, wie der im Ballbesitz befindliche
Spieler, im Folgenden "Jäger" genannt, taktisch vorgeht
(nämlich genauso wie ein Raubtier oder ein Verbrecher) :
Der Jäger wird in der Regel danach schauen, wer am leichtesten abzuwerfen
ist, also ohne unnötige Anstrengung und vor allem ohne eigenes Risiko
(bei diesem Spiel besteht das Risiko darin, nicht zu treffen und dann
selbst zum Gejagten zu werden).
Das gleiche Prinzip gilt für Verbrecher. Ihr Ziel ist es, das (meist
sorgsam geplante) Verbrechen erfolgreich durchzuführen, also ohne
dabei erwischt zu werden und ohne dabei verletzt zu werden. WEN sie
schädigen, ist ihnen dabei gleichgültig (Ausnahmen: Rache,
Eifersucht). Stoßen Sie bei ihrer Tat auf Schwierigkeiten, wenden sie
sich halt einem leichteren Opfer zu.
In der zweiten "Taktikbesprechung"
bitten Sie die Teilnehmer, die Aufmerksamkeit auf ihre Mitspieler zu
richten und bewusst wahrzunehmen, wer häufig abgeworfen wird und wer
selten oder nie.
In den
Gesprächsrunden sollten außerdem folgende Punkte deutlich
werden:
Wenn
der Jäger sich nicht sicher ist, wie gut das anvisierte
"Opfer" sich verteidigen wird, wird er es zunächst, bevor er
tatsächlich wirft, zuerst "testen" (hier: durch
Antäuschen eines Wurfes). Im Zweifel wird er seine Pläne dann
ändern und sich vorsichtshalber einem anderen Ziel zuwenden. Es ist
sehr wichtig, den Begriff "leichtes Opfer" zu verstehen!
Machen
Sie auf die Tatsache aufmerksam, dass die meisten "Opfer" in den
Rücken getroffen werden, ja dass es geradezu eine Einladung an den
Jäger ist, ihm den Rücken zuzuwenden. Sich abzudrehen
heißt, die drohende Gefahr zu leugnen. Wenn ich sie ignoriere, geht
sie aber nicht von selber weg, sondern ich locke sie sogar an. Ich nenne
diese, auch bei Erwachsenen anzutreffende Methode "Versteckspiel
für Zweijährige":
"Wenn ich die Augen schließe, werde ich unsichtbar" denken
die Kleinen (kleiner Fehler!), "Wenn ich das Problem ignoriere, wird
es von selbst verschwinden" denken die Großen (großer
Fehler!).
Machen Sie auf die Tatsache aufmerksam, dass Weglaufen ihre Situation nur
verbessert, wenn sie einen ausreichenden Vorsprung haben, dass insbesondere
Rückwärtslaufen keine Verbesserung ihrer Lage bringt, sondern im
Gegenteil die Gefahr, zu stolpern oder gegen ein Hindernis zu laufen.
Machen
Sie darauf aufmerksam, dass es den Jägern in jeder neuen Spielrunde
immer schwerer fällt, noch Beute zu machen, dass also Üben hilft.
Machen
Sie darauf aufmerksam, dass wir von den "Siegern" (Spieler die
nie getroffen werden) ebenso lernen können wie von den
"Verlierern" (Spieler die oft getroffen werden).
Wenn Sie Glück haben, lässt sich ein Phänomen beobachten,
dass scheinbar eine Ausnahme von der Regel "es trifft immer das
leichteste Opfer" ist, nämlich wenn ein Jäger alle anderen
Spielteilnehmer links liegen lassen und alles daran setzt, ein Geschwister
oder einen Freund zu jagen (vor allem bei Jungen). Dieses bietet einen
Anknüpfungspunkt für die Vermittlung der traurigen Tatsache, dass
die allermeisten Gewaltverbrechen nicht von Fremden, sondern Bekannten oder
Familienmitgliedern verübt werden.
Was also machen die erfolgreichen Spieler, die selten oder gar nicht
getroffen werden besser als die leichten Opfer? Was können diese von
jenen lernen? Und wie lässt sich das Gelernte auf den Alltag
übertragen?
Voraussetzung für alles Folgende: aufpassen!
Aufmerksame Spieler, die zu jeder Zeit wissen wo der Ball ist, werden
seltener zum Ziel als Spieler, die mit ihren Gedanken woanders sind. Es ist
sehr wichtig, zu jeder Zeit zu wissen, wo der Ball ist!! Nie nie nie wegschauen, auch nicht ganz kurz, oder mit
dem Rücken zum Ball stehen!!
1.
Hilfe organisieren!
Eines der wichtigsten Ziele eines SV-Trainings muss es sein, den
Geburtsfehler, nämlich bei Problemen sich zurückzuziehen,
"sehend zu überwinden". Der erste Gedanke, der mir bei
Gefahr in den Kopf kommen muss ist: Wer kann mir helfen? Wo bekomme ich
Unterstützung? Wie schaffe ich Öffentlichkeit?
- Wer davonläuft, kann eingeholt werden.
2.
Gefahrensituationen meiden!
Spieler, die darauf achten, immer möglichst weit weg zum Ball zu sein,
werden seltener zum Ziel, als Spieler in der Nähe des Jägers.
3.
Abwehr-Bereitschaft zeigen!
Oft genügt es, Abwehr-Bereitschaft zu signalisieren, und der
Jäger wendet sich anderen Opferkandidaten zu. Diese Abwehr wird im
Fachjargon "Abschreckung" genannt. Die einzige Abwehr, die
immer funktioniert: nicht angegriffen zu werden. Die leichtesten Opfer
sind diejenigen, die weder davonlaufen, noch sich anders wehren, die sich
also kampflos ihrem "Schicksal" ergeben. Fang- und abwehrbereite
Spieler werden seltener zum Ziel als Spieler, die dem Jäger den
Rücken zuwenden. Wer sich ängstlich wegdreht, kann besonders
leicht abgeworfen werden.
4.
Aktiv werden!
Wer selbst den Ball hat, kann nicht abgetroffen
werden. Weisen Sie darauf hin, dass es nicht verboten ist, dem Jäger
den Ball wegzunehmen. Erfolgreich ist, wer sich mutig dem Jäger
zuwendet und versucht, den Ball abzuwehren oder sogar zu erobern. Der
Jäger wird diese Spieler, die ihm "Schwierigkeiten" machen,
in Ruhe lassen und sein Glück zunächst bei den leichten Opfern
versuchen. Selbst die Initiative zu ergreifen, um den Verlauf der
Auseinandersetzung zu bestimmen, ist ein Bestandteil von dem, was ich
"aktive Selbstbehauptung" nenne. Manche Spieler lassen sogar den
Ball an sich vorbei kullern und gehen weg von ihm, statt hin. Nicht der
Ball (die Waffe) ist gefährlich, sondern der Jäger, der aber nur
ein Jäger ist, wenn er den Ball hat.
5.
Tricksen!
Spieler die für den Jäger unsichtbar sind, weil sie z.B. sich
verstecken, oder (zum Schein) auf die Toilette gehen, oder so tun als
wären sie abgetroffen, oder sich scheinbar
die Schuhe zubinden, oder irgendeinen anderen Trick sich einfallen lassen,
werden nicht abgeworfen.
6.
Überraschend handeln!
Wer sich unberechenbar verhält wird seltener zum Ziel als jemand, der
stereotyp (also vorhersehbar) reagiert (Beispiel: wie sie ihre
Deckungshände bewegen).
7.
Nicht alleine sein!
Wer sich in einer Gruppe aufhält wird seltener zum Ziel, als jemand,
der alleine ist. In einer gemeinsamen Aktion von mehreren Gejagten gelingt
es, dem Jäger den Ball zu entreißen.
8.
Improvisieren: die vorgefundenen Umstände nutzen!
Wer sich eine Deckung nimmt (Turngerät, Säule, Mitspieler, KursleiterIn) ist schwerer zu treffen, als ungedeckte
Mitspieler.
Für
den Fall, dass doch mal ein Ball in meine Richtung fliegt:
9. Ausweichen (zur Seite! nicht nach unten!)
10. Abblocken, an den Händen abprallen lassen
11. Umlenken
12. Fangen
(Wer
Spaß daran hat, kann diese Verteidigungen aus
den "Vier Elementen"
entwickeln, oder umgekehrt die Elemente aus diesen Verteidigungen ableiten.)
Bei
solchen Spielen besteht immer die Gefahr, dass die Teilnehmer nur die
Verteidigungen machen, die sie sowieso schon können. Diese brauchen
die Ermutigung zum Ausprobieren von Methoden, die sie noch nicht so gut
beherrschen.
Der Gedanke, dass Gewalttäter immer eine AUSWAHL an möglichen
Opfern haben, gehört zu den wichtigsten und tröstlichsten, die
Sie vermitteln können. Bei Schulhofprügeleien, Straßenraub,
Vergewaltigung, Entführung usw. wie bei fast allen Straftaten spielt
es für den Täter keine Rolle, WER sein Opfer wird.
Wichtig und tröstlich ist dieser Gedanke, weil unsere Verteidigung
dadurch so leicht wird, denn: WIR MÜSSEN DEN ANGREIFER NICHT BESIEGEN
(dafür ist die Polizei zuständig).
Erhellend
und einprägsam ist die folgende alte Geschichte (die auch in einer
Sportschuhwerbung verwurstet wurde), die Sie den Teilnehmern erzählen
sollten:
Zwei
Menschen sind unterwegs in der afrikanischen Steppe auf Fotosafari. Sie
sitzen abends am Lagerfeuer, als sie aus dem Dunkel der Nacht einen
Löwen knurren hören. Der eine Mensch fragt den anderen
ängstlich: "Was machst Du, wenn uns der Löwe angreift?"
Die Antwort: "Dann laufe ich weg." Darauf der Erste: "Du
kannst doch nicht schneller laufen als ein Löwe!" Der Andere:
"Ich kann aber schneller laufen als Du!"
Das
kann man natürlich zynisch finden. Aber so - und nur so - funktioniert
Selbstverteidigung gegen Stärkere: weder Löwe noch Verbrecher
lassen ein leichtes Opfer links liegen, um mit einem ebenbürtigen
Gegner einen "spannenden Kampf" auszufechten. Der Löwe hat
Hunger und will fressen. Was er nicht will ist ein Kräftemessen, einen
anstrengenden Dauerlauf, oder die Gefahr, verletzt zu werden. Einen
Verbrecher interessiert nur, irgendein OPFER für sein Verbrechen zu
finden, je weniger Risiko dabei ist, umso besser. Der Fotograf, der
überlebt, hat nicht den Löwen besiegt, er hat sich nur
"genug" gewehrt.
"Es
ist nicht mein Ziel, zu gewinnen. Mein Ziel ist, nicht zu verlieren." Bokuden (mehr zu diesem Thema auf der Seite Notwehr ODER Kampfsport)
Das
ist der Grund, warum es fast(!) immer ausreicht, sich "ein
bisschen" zu wehren, wie die folgende kleine Auswahl von wahren
Geschichten zeigt:
-
Erschreckend aber wahr: in fast jedem meiner Kurse ist ein Kind, das schon
einmal von Autofahreren zum Einsteigen überredet werden sollte. Ihre
(erfolgreiche!) Selbstverteidigung bestand immer darin, einfach nur
"Nein" zu sagen.
- Die
sechzehnjährige Antje geht alleine in Paris spazieren. Sie wird von
drei Jugendlichen (jeder Einzelne von ihnen größer und
kräftiger als sie) bedrängt, die sie schubsen, an den Haaren
ziehen, beleidigen usw. Sie haut einem von ihnen eine Ohrfeige herunter.
Die Jugendlichen laufen davon.
- Eine
Deutsche, Edita, besucht in London eine Blumenausstellung, lernt dort ein
Schweizer Ehepaar kennen. Gemeinsam geht man anschließend an der
Themse spazieren. Plötzlich springt ein Mann hinter einem Busch
hervor, setzt Edita ein großes Jagdmesser an die Kehle und sagt etwas
(vermutlich "Geld her!") in seinem ganovendialektgefärbten
Englisch. Edita, die ihn nicht versteht, wendet sich an die Schweizer und
fragt, ob sie ihn verstanden hätten. Als sie verneinen, bricht sie in
Lachen aus. Der Mann läuft davon.
- Ein
elfjähriger Waldorf-Schüler wird in der Berliner U-Bahn von
Jugendlichen "angemacht", die mit ihren Taekwondo-Künsten
prahlen. Er, cool: "Na und? Ich habe die goldene Schärpe in
Eurythmie!" Die Jugendlichen lassen ihn in Ruhe.
- Zwei
Frauen aus Hilden gehen in einem Park spazieren, als sie hinter sich
Schritte hören: ein Mann folgt ihnen in einiger Entfernung. Die Frauen
gehen schneller und wechseln einige Male die Richtung; der Mann verfolgt
sie weiter und kommt sogar immer näher. Da dreht sich eine Frau zu dem
Mann um und macht "Buh!" Der Mann läuft davon.
- "Kürzlich
hörte ich, dass der Schauspieler Michael York von einer Bande von
Schlägern bedroht wurde, während er mit seiner Frau in Brasilien
am Strand spazieren ging. Die Bande näherte sich ihnen mit
Flaschenscherben und Messern. Michael überwand sein Entsetzen und
griff auf ein Mittel aus der Schauspielkunst zurück, nämlich
seine Stimme. Er stieß einen sehr lauten Schrei aus und vertrieb
damit die Feiglinge." (Aus: Hände weg! von Khaleghl
Quinn)
- Die
originellste Selbstverteidigungstechnik, die ich kenne, ist das Vortragen
eines Gedichtes: Der Jazz-Sänger George Melly
sah sich einmal, als er einen Club in Manchester verließ, von einer
Gruppe bedrohlicher Schlägertypen umstellt. Statt - mit jeweils
desaströsem Ausgang- zu kämpfen oder zu fliehen, begann er, Kurt Schwitters "Ursonate"
vorzutragen (ein Dada-Gedicht, das nur aus unsinnigen Silben besteht, die
wie ein Musikstück vorgetragen werden, also mit Melodie und Rhythmus).
Die Angreifer waren dermaßen verdattert, dass sie das Weite suchten.
- Der
Fernseh-Moderator Roberto Cappelluti fuhr einmal
mit der U-Bahn in die Bronx. Als sich ihm einige finstere Gestalten in
eindeutiger Absicht näherten, begann er ein Selbstgespräch,
worauf sich die Männer wieder entfernten.
Vor allem Kinder lieben solche Geschichten. Erzählen Sie! Es ist
wichtig zu verstehen, dass Täter immer Feiglinge sind, und welche Vor-
und Nachteile das hat.
Die
meisten Menschen sind ungeheuer erleichtert, wenn sie verstanden haben,
dass sie im Ernstfall nicht den Verbrecher besiegen, sondern ihm lediglich
ihre Mithilfe verweigern müssen.
Auch sollte "hängenbleiben", dass
jedes Problem nicht nur eine, sondern sogar mehrere Lösungen hat!
Copyright ©
Arno Matthias
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