Monaco


Monaco
My interpersonal distance is my castle


Bitten Sie zunächst eine/n Freiwillige/n (im Folgenden "der Partner" genannt), sich hinzustellen und nur auf seine Gefühle zu achten, während Sie langsam auf ihn zu gehen.
Sobald Sie näher heran kommen als etwa auf Armeslänge, wird er sich sichtbar unwohl fühlen und vielleicht sogar vor Ihnen zurückweichen. Arbeiten Sie mit der Gruppe folgenden Punkt heraus: anfangs, bei ausreichendem Abstand, hat sich der Partner sicher gefühlt, dann jedoch haben Sie eine unsichtbare Grenze überschritten, ab der er sich unwohl oder sogar ängstlich fühlte. Der Fachausdruck hierfür lautet "interpersonale Distanz", und hier gibt es eine lesenswerte Doktorarbeit zu diesem Thema.

Wir alle kennen diese Grenze aus dem Alltag: wenn wir uns unterhalten, stehen wir meist einen Schritt voneinander entfernt und mögen es nicht, wenn uns jemand zu sehr "auf die Pelle rückt". In Bussen und Wartezimmern empfinden wir es als beunruhigend, wenn sich jemand nicht an das Prinzip der "größten verbliebenen Lücke" hält, sondern sich direkt neben uns setzt, obwohl noch andere Plätze frei sind. Wir können also sagen, dass wir den Raum unmittelbar um uns herum als Sicherheitszone brauchen, in die nur wenige Menschen (denen wir vertrauen) eintreten dürfen. Dabei hängt es von den näheren Umständen ab (wer? wo? wann? wie?), was wir als ok empfinden oder nicht. Werden wir etwa in einer belebten Fußgängerzone angerempelt, messen wir dem keine Bedeutung bei; geschieht dasselbe jedoch bei ausreichendem Platz, ändert sich unsere Bewertung.

Damit nun Alle solch einen Sicherheitsabstand kennen lernen, lassen Sie Zweierreihen bilden und Reihe A langsam auf Reihe B zugehen. Die Reihe A soll "Stop!" sagen, wenn der Partner nahe genug herangekommen ist, dieser soll dann stehen bleiben. Wenn Alle stehen, sollen sie sich mal umschauen und feststellen, dass es recht unterschiedliche Ansichten über den "richtigen" Abstand gibt. Ein wichtiger Punkt: alle haben Recht!
Anschließend geht's in die andere Richtung.

Wir haben hier also den Fall, dass der Partner auf uns hört und unsere Grenze respektiert, wenn wir ihn darum bitten. Im richtigen Leben bedeutet das: die Grenzverletzung geschah nicht vorsätzlich, ohne böse Absicht. Viele Kinder kennen die Situation, bei einem Besuch von Oma/Opa/Tante/Onkel "abgeknutscht" zu werden. Obwohl fast alle Kinder es als unangenehm empfinden, meinen die Verwandten es "eigentlich" gut. Ein Junge erzählte mir:
"Eigentlich knuddel ich gerne mit meinem Papa, aber er hält mich dann immer so fest, dass es gar nicht mehr schön ist."

Hier ist es also ganz klar erforderlich, den Erwachsenen freundlich mitzuteilen, dass die gut gemeinte Tat nicht als solche ankommt, und dass sie ihre Zuneigung bitte anders bezeugen mögen. Vielen Kindern müssen wir Mut machen, ihre Wünsche zu äußern und ihnen dazu Formulierungen an die Hand geben, denn sie haben große Angst, ihnen Nahestehende vor den Kopf zu stoßen.

Und es ist sehr wichtig, die Gefühle von Kindern zu respektieren! Unter Eltern ist der Fehler verbreitet, ihren Kindern immer wieder zu widersprechen, wenn diese ihre Gefühle äußern ("Jetzt stell dich nicht so an! Das tut doch gar nicht weh!" oder ähnliches). Sie reden z.B. das Kind vor Fremden mit dem Kosenamen an oder begehen andere Peinlichkeiten, spielen dies aber routinemäßig herunter. Subtile Gewalt ist dennoch Gewalt, nicht weniger schlimm als ein Erziehungstil, der darauf beruht, die Kinder zu dem gewünschten Verhalten zu nötigen. (Von Gewalt ganz zu schweigen, natürlich ist jeder "Klapps" eine erniedrigende Grenzverletzung.)
Kinder verlieren dadurch einen wichtigen Bestandteil des Selbstvertrauens, nämlich das Vertrauen in ihre eigenen Gefühle. Bevor ich dem Anderen meine Grenzen mitteilen - und notfalls verteidigen - kann, muss ich sie zuerst spüren können.

Eine Grenze zwischen "ok" und "nicht ok" gibt es also nicht nur zwischen "körperlich weit genug entfernt" und "zu nah", sondern auch:

- im sozialen Umgang: "Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber..."; jemand hält beim Schütteln meine Hand zu lange fest; ein Fremder schaut mich zu lange an;

- bei Berührungen: "Welche Berührungen eines Fremden sind ok?" - maximal Händeschütteln; ein Spaßrangeln das plötzlich in Ernst umschlägt;

- im seelischen Sinne: jemand kommt mir zu nahe; auch "überfürsorgliche" Eltern, die das Kind mit ihrer Liebe erdrücken, begehen damit eine (respektlose) Grenzverletzung;

- bei Worten: Beleidigungen sind eindeutige Grenzverletzungen, aber auch "Nettigkeiten" können Grenzverletzungen sein: Kosenamen wie "Schätzchen" o.ä. dürfen nur Vertraute benutzen, Fremde nicht;

- bei Gesten: der erhobene Daumen ist ok, der erhobene Mittelfinger nicht.


Solche "Grenzfälle" können die Teilnehmenden nun spielerisch kennen lernen, z.B. in folgenden Spielen:

- Schildkröte: Partner A liegt auf dem Bauch, Partner B soll versuchen, ihn auf den Rücken zu drehen. A soll B deutlich darauf hinweisen, wenn es eine Berührung als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfindet, B hat dies zu respektieren.

- Was Sie als ÜbungsleiterIn zwischendurch mal einschieben können, wenn die Teilnehmenden gerade einen Sitzkreis bilden: sich ganz nah neben jemanden setzen, statt wie üblich in die größte verbliebene Lücke.


Halten wir also fest: Wann immer jemand meine Grenze verletzt, muss ich ihm das zuallererst mitteilen. Das "Wie" wird durch die Situation bestimmt.

Deutlich "Nein!" zu sagen ist auch das probate Mittel, eine uneindeutige Situation zu klären, wenn Sie z.B. unsicher ist, ob eine Berührung oder eine Bemerkung in böser Absicht geschah. Wenn z.B. Pastor oder Turnlehrer ein Kind auf eine ihm unangenehme Weise berühren, kann es so herausfinden, wie es gemeint war: freundlich aber bestimmt "Ich will das nicht!" sagen und abwarten, was passiert. Er muss nun Farbe bekennen: entweder er sagt "Tut mir leid, war ein Versehen. Ich wusste nicht, dass Du das nicht willst. Soll nicht wieder vorkommen." - oder er ignoriert die Grenzziehung, und damit tritt der Verteidigungsfall ein. Wichtig ist hier, dass niemand seine Abgrenzung begründen muss. "Nein heißt Nein!" - Ende der Ansage.


Kommen wir also zu dem etwas schwierigeren zweiten Fall: jemand überschreitet unsere Grenze in voller Absicht, also 1. um uns weh zu tun und 2. mit der Zuversicht, den daraus eventuell entstehenden Kampf zu gewinnen. Wie immer ist es nun unsere Aufgabe, diese Zuversicht zu zerstören und ihn davon zu überzeugen, dass wir dieses Spielchen nicht mitmachen.

Wiederholen Sie die Übung mit den Zweierreihen, nur dass diesmal die Reihe B NICHT stehen bleibt, wenn Reihe A "Stop!" sagt. Im Gegenteil fangen die Partner der Reihe B mit leichten Angriffen wie Beleidigen, Schubsen, Pöbeln, Haare ziehen etc an. Reihe A hat nun die Aufgabe, dies zu unterbinden. Den Fehler, den die meisten Anfänger machen ist, sich (z.B. durch Zurückschubsen oder Zurückbeleidigen) in einen Kampf verwickeln zu lassen. Erinnern Sie daran, dass der Angreifer körperlich überlegen ist und einen Kampf vermutlich gewinnen würde. Er will, dass es zum Kampf kommt, also ist es vermutlich eine gute Idee, ihm nicht auf den Leim zu gehen.

Diese Formen kleiner Gewalt gehen großer Gewalt häufig dann voraus, wenn der Täter sein Gegenüber noch nicht gut genug kennt, um sich dessen Eignung als Opfer sicher zu sein. Deshalb nennt man diese wichtige Phase auch "Opfertest".

Meine Empfehlung für diesen Fall:

Alle Kräfte dafür einsetzen, nicht zu kämpfen.

Wenn ich es schaffe, den Angreifer davon zu überzeugen, dass er sein Ziel (z.B. einen Menschen zu demütigen oder körperlich zu verletzen) bei mir teuer bezahlen muss, habe ich gewonnen. Wie eine Klapperschlange warne ich den Angreifer und teile ihm unzweideutig mit, dass er sich in große Gefahr begibt, wenn er mich nicht in Ruhe lässt. So errichte ich eine hohe Schwelle für ihn. Entscheidet er sich dafür, meine Warnungen zu ignorieren, muss er halt den Preis bezahlen - ich habe ihn ja nicht darum gebeten, mich anzugreifen.

Wie also geht das, wie teile ich dem Angreifer mit, dass ich nicht das leichte Opfer bin, für das er mich gehalten hat? Wie kann ich seine Illusion zerstören, dass seine Suche Erfolg hatte? WAS IST ÜBERZEUGEND? Letztlich geht es darum, eine Sprache zu finden, die er versteht. Einige Hinweise dazu liefert die Vorführung:

Ich selbst spiele ein Kind, das sich (alleine) auf dem Heimweg befindet, einige Freiwillige spielen eine "Jugendbande", die sich mit diesem vermeintlich leichten Opfer einen "Spaß" machen, es "aufmischen" wollen. Ich erkläre vorher, dass wir diese Situation dreimal durchspielen werden, wobei ich jedesmal auf andere Weise versuchen werde, die Angreifer mit einem "Nein!" abzuwehren. Die Übrigen sollen uns beobachten und darauf achtgeben, welche der drei Varianten sie am überzeugendsten finden. Im ersten Durchgang benutze ich eine starke Stimme, aber eine ängstliche Körperhaltung, mein Blick ist zu Boden gerichtet. Beim zweiten Mal benutze ich eine starke Abwehrhaltung mit ausgestreckten Armen und festem Stand, aber eine ängstliche, schwache Stimme. Beim dritten Mal gebe ich dann alles: starke Stimme, starker Blick und starke Körpersprache. Diese drei Bausteine einer erfolgreichen Abschreckung sollten in Ihrer Vorführung deutlich werden.

Damit ist es Zeit für den dritten Durchgang unserer Partnerübung. Wieder geht Partner A auf Partner B zu, ignoriert dessen "Stop!" und beginnt seine Provokationen und Rüpeleien. Die Verteidiger sollen alles daran setzen, sich die Eindringlinge vom Leibe und ihre Sicherheitszone frei zu halten. Dazu empfehle ich Wegstoßen mit gleichzeitigem starkem "Hau ab!", "Hör auf!" oder "Lass mich in Ruhe!".

Es ist hilfreich, stärkende innere Bilder zu benutzen, wie eine in die Enge getriebene Raubkatze, eine "wandelnde Feuersäule", oder das Raumschiff Enterprise, das sich bei feindlichem Beschuss in eine schützende Energiewolke hüllt ("Schilde hoch!"), an der Alles abprallt.

Häufige Fehler bei dieser Übung:
1. wegschieben statt wegstoßen, was zu einem Kräftemessen (also zum Kampf) führt;
2. lächeln. Natürlich ist es schwer, in einer solchen Spielsituation ernst zu bleiben, aber Sie können die Gelegenheit ergreifen, über falsches Harmoniebedürfnis ("den Angreifer bei guter Laune halten zu wollen"), gemischte Botschaften (Mund und Körper widersprechen sich) und darüber zu sprechen, dass der Angreifer erkennen können muss, dass es uns mit unserem "Nein" sehr, sehr ernst ist.


Zum Abschluss dieser Übungseinheit können sie die hoffentlich gesteigerte Verteidigungsbereitschaft mit wie immer Freiwilligen testen:

- Spucken Sie in Ihre Hand (oder tun Sie zumindest so) und bewegen diese langsam auf das Gesicht der Verteidiger zu (diese Übung ist dem Buch "Stop heißt Stop!" von Karin Köhler entnommen).

- Halten Sie sich einen großen Gymnastikball vor den Bauch und schubsen Sie damit die Verteidiger herum.

- Legen Sie Protektoren an und spielen einen pöbelnden, schubsenden, Haare ziehenden Rowdy.


Wie unterscheidet sich Monaco von Frankreich? Hauptsächlich dadurch, dass innerhalb seiner Grenzen die Gesetze von Monaco gelten und nicht die Gesetze Frankreichs. Ich nenne den Raum eine Armeslänge um mich herum "mein Stück Erde", d.h. in diesem Raum gelten meine Gesetze! Hier darf niemand herein - außer wenn ich es erlaube. Wenn ich jemanden hineinlasse, muss sie/er sich an MEINE Regeln halten. Wer sich nicht an meine Gesetze hält, muss wieder gehen (oder ich gehe und stelle so die Distanz wieder her).

Entscheidend ist, dass es in jeder neuen Situation eine (individuell verschiedene) Grenze gibt zwischen "ok" und "nicht ok" ("Ja-Gefühl" und "Nein-Gefühl"), und dass jede/r Einzelne/r diese Grenze immer wieder neu festlegen kann und muss. Sie sind, wie der Sultan von Brunei, der Souverän in Ihrem Stückchen Erde!

Und für den Täter ist es leichter, den Angriff abzubrechen, wenn wir nicht gegen ihn kämpfen (dann "muss" er uns beweisen, dass er stärker ist), sondern wenn alles, was wir wollen ist:

"Nicht hier! Nicht jetzt! Nicht mit mir!"




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Dein Stück Erde      zuletzt geändert am 06.05.2006


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