Autopilot AUS

Übung 1
"Faust gegen Faust" (von Thomas F. Crum)

Bitten Sie die TeilnehmerInnen, sich hinzustellen und eine Faust zu machen, wobei sie den Ellbogen an der Seite des Körpers und den Unterarm waagerecht nach vorn halten sollen. Gehen Sie nun herum und drücken Sie mit ihrer Faust gegen die der Partner (geballte Fäuste werden sofort mit Gewalt assoziiert, obwohl ja eigentlich kein Angriff stattfindet). Ihr Gegenüber wird die Muskeln anspannen und "dagegen halten". Dadurch wird der Arm hart, sodass Sie Schwächere mit Ihrer überlegenen Körperkraft wegschieben können (besonders effektvoll, wenn sie vor einem Stuhl standen und nun unversehens wieder darauf sitzen). Ihre Partner haben Ihnen also dabei geholfen, geschubst zu werden.

Diese Übung zeigt, dass Menschen auf "Druck" von außen spontan mit einer Verhärtung reagieren - einer unserer "Geburtsfehler": Jemand schubst uns, also schubsen wir zurück. Jemand beleidigt uns, also beleidigen wir zurück. Auf Stress reagieren wir mit (geistigen und muskulären) Verspannungen. Unser Kind nervt, also schreien wir es an, manche schlagen es sogar. Wer vorhersehbar reagiert, ist ein leichtes Opfer. Ein Negativ-Beispiel gab Zinedine Zidane im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als er sich von Marco Materazzi fernsteuern ließ.

Sinnvoll ist das alles nicht. Den Wettkampf "Kraft gegen Kraft" ("Mit Muckis gegen Muckis") gewinnt immer der Stärkere, im Ernstfall also der Angreifer. Besser ist es, die Automatik aus- und das Großhirn anzuschalten ("Mit Grips gegen Muckis") und zu fragen

"Was ist jetzt gut für mich?"

Das heißt mit anderen Worten: keinen Widerstand leisten! Wer gegen etwas ist, dessen Handeln ist fremdbestimmt. "Gerade das Gegenteil tun heißt auch nachahmen, es heißt nämlich das Gegenteil nachahmen" (Georg Christoph Lichtenberg). Das Dagegenhalten ist genau das, was der Täter will: einen Wettstreit auf seine Art, denn er hat diese Angriffs-Methode gewählt, weil er darin überlegen ist (s.a. FBI-Regel).

Machen Sie abschließend eine zweite Runde, bei der Sie (bei Kindern) gerne theatralisch ins Leere stolpern dürfen, wenn die Partner, nunmehr MIT Einsatz des Großhirns, auf Ihren Druck mit Nachgeben oder plötzlichem Wegziehen der eigenen Faust reagieren (hier können Sie später anknüpfen, wenn es um die Idee geht, die Kraft und den Schwung des Gegners gegen ihn einzusetzen). Die andere intelligente Verteidigung besteht darin, die Richtung Ihres Druckes nach eigenem Gutdünken zu ändern, Sie also dahin zu lenken, wohin der Verteidiger will.


Die beste Waffe bei der Verteidigung gegen Stärkere ist das Großhirn. Diesen Punkt können Sie mit dem Modell eines Computers illustrieren:
Jeder Computer, egal ob die Spielkonsole zu Hause oder der Fahrscheinautomat am Bahnhof, besteht aus Eingabe-Geräten (Tastatur, Maus, Joystick usw.), einer Informations-Verarbeitungseinheit (Prozessor, Software usw.) und Ausgabe-Geräten (Monitor, Drucker usw.). Übertragen auf die menschliche Informationsverarbeitung entsprechen unsere Sinne den Eingabegeräten, das Gehirn der zentralen Verarbeitungseinheit und die Muskeln den Ausgabegeräten. Ein unüberlegtes Zurückschubsen wäre demnach so sinnvoll, wie die Tastatur direkt mit dem Drucker zu verbinden.

Solche Reflexe sind ferngesteuert, berechenbar, automatenhaft, immer gleich und daher keine gute Selbstverteidigung. Wenn Ihnen jemand die Luft abgedrückt, haben Sie verständlicherweise nur einen Wunsch: seine Hände müssen da weg - und zwar jetzt! Wenn Sie nun aber in die Falle tapsen und an seinen Händen ziehen, werden Sie scheitern, denn genau da liegt seine gesamte Kraft und Aufmerksamkeit. Man stelle sich vor: Zwei Ritter kämpfen mit Schwertern auf Leben und Tod. Einer der beiden trägt als einzigen Schutz einen winzigen Brustschild. Der andere Ritter versucht immer, mit seinem Schwert genau dieses kleine Stück Rüstung zu treffen. Gar nicht mal so schlau! Ein wohlplaziertes Knie wird den Würgegriff viel eher lösen!


Übung 2
Partner A zieht B an den Haaren oder am Ohr. Ich schwöre: es kommt regelmäßig vor, dass der Verteidiger, weil sie ihm weh tut, die Hand des Angreifers von seinem Kopf wegzieht! Statt hin. Noch besser: den eigenen Kopf gegen die Hand des Angreifers drücken. Hieran lässt sich ein wichtiges Prinzip verdeutlichen: Wenn ich versuche, den Angreifer zu bewegen, kann er das mit seiner größeren Kraft meist verhindern. Bewege ich mich jedoch, kann er nichts dagegen tun.


Übung 3
Spielen Sie mit einer/m (an Körperkraft unterlegenen) Freiwilligen eine Entführung nach, indem Sie sie/ihn in Richtung Ihres imaginären Autos ziehen. Anfänger werden sich mit aller Kraft dagegen stemmen. Während Sie also mit Ihrer größeren Kraft an einer bestimmten Stelle (Handgelenk) in eine bestimmte Richtung ziehen, besteht die "Gegenwehr" darin, mit kleinerer Kraft an genau derselben Stelle in genau die andere Richtung zu ziehen (obwohl vorher klar ist, wie das endet). Jede andere Verteidigung wäre besser!


Übung 4
Partner A (Angreifer) steht hinter Partner B (Verteidiger) und drückt gegen seinen Rücken, um ihn wegzuschieben. Stemmt sich B gegen die Kraft, wird er diesen Kampf verlieren, wenn der Angreifer (wie im Ernstfall) stärker ist.
Besser ist, wenn B
- etwas Widerstand leistet, damit die Aufmerksamkeit des Angreifers gebunden wird
- in dessen Schrittrhythmus einfällt, damit er sich als sicherer Sieger fühlt
- nach zwei, drei Schritten plötzlich mit einer ganzen Körperdrehung, an einem Arm des Angreifers entlang "abrollend", neben oder hinter ihn tritt. Von hier aus lassen sich seine weiteren Aktionen gut kontrollieren. Wichtig: den Kontakt zur Außenseite seines Armes behalten und nicht vor dem Angreifer zum Stehen kommen. Auch hier ebenfalls möglich: Der Verteidiger übernimmt die Steuerung und lenkt diese Zweier-Polonaise, wohin er will. (von Thomas F. Crum)


Übung 5
Häufig sieht man auf dem Schulhof zwei (meistens) Jungen, die ihre Kräfte messen, indem sie versuchen, sich durch Drücken gegen die Schultern gegenseitig weg zu schieben. Solange beide freiwillig an diesem Wettbewerb teilnehmen, ist alles in Ordnung. Falls nicht, kann der Verteidiger mit etwas Geschick den Druck des Angreifers "ins Nichts fallen lassen": etwas Widerstand leisten um den Druck noch zu erhöhen, dann plötzlich den Oberkörper (z.B.) nach rechts drehen, dabei gleichzeitig den linken Arm des Angreifers nach unten, den rechten nach oben schlagen.
Oder durch Rückwärtsgehen wiederum steuern, wohin es mag.



Übung 6
"Wenn Sie in der Kunst des Nachgebens Geschick entwickelt haben, brauchen Sie sich über die Größe des Anderen keine Sorgen mehr zu machen." ("When you have developed a skill at yielding, it means you don't have to worry any more about the other guy's size." der Polizei-Ausbilder Loren Christensen in: Far Beyond Defensive Tactics. Paladin Press, Boulder 1998)

Eine sehr gute Methode, um in der Kunst des Nachgebens Geschick zu entwickeln, ist Tui Shou, ein Spiel, das ich Kindern als "chinesisches Ringen" vorstelle. Es sind die Partnerübungen der alten Kampfkunst Tai Ji Quan (= Tai Chi Chuan):

Die beiden Partner stehen sich in einem "stabilen Stand" gegenüber, eine Armeslänge entfernt. Sie versuchen, den anderen durch Ziehen und Drücken aus dem Gleichgewicht zu bringen. Alles ist erlaubt, außer dem Partner weh zu tun. Wer einen Schritt macht oder mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen den Boden berührt, hat einen Punkt verloren. Dann stellen sich die Partner neu auf, und weiter geht's.

Varianten, bei denen das Bewegen der Füße erlaubt ist:
- die Partner stehen auf einer Schwedenbank oder auf dem Deckel eines Turnkastens; wer zuerst den Boden berührt, verliert einen Punkt (Matten auslegen!)
- die Partner kämpfen auf einer Matratze oder Turnmatte
- die Partner stellen je einen Fuß in einen Hula Hoop.

Wenn der Partner gegen meine Schulter drückt, ist mein erster Impuls, mich dagegen zu stemmen. Tue ich dies, kann er mich wegschubsen. Bleibe ich jedoch locker und gebe nach (durch Drehung des Oberkörpers), geht seine Kraft ins Leere. Wenn er genügend Schwung hat, gerät er dabei sogar aus dem Gleichgewicht. Ich kann noch etwas nachhelfen, indem ich seinen Kraftvektor verlängere.

Verhindern muss ich, dass er gegen beide Schultern gleichzeitig oder gegen einen Punkt auf meiner Zentrallinie drücken kann, weil ein Ausweichen dann nicht mehr möglich ist. Ich erreiche dies, indem ich meine Hände wie Wächter vor der Zentrallinie postiere, sodass er nicht an ihnen vorbei kommt, ohne sie zu berühren. Da die Haut schneller ist als das Auge, kann ich seine Hände rechtzeitig ablenken. Schon mit wenig Übung gelingt diese Verteidigung auch mit geschlossenen Augen. Fortgeschrittene können lernen, mit den eigenen Händen an denen des Partners zu "kleben". So weiß man immer, wo sie sind und was sie vorhaben.


Beim Tui Shou-Spiel lässt sich sehr gut erfahren, was ein "stabiler Stand" ist (vgl. "Element Erde"). Als Zweibeiner können wir immer nur in zwei Richtungen stabil stehen, nämlich in Richtung unserer Fußpositionen. Wenn der Partner uns in Richtung unseres hinteren Beines drückt oder in Richtung vorderes Bein zieht, können wir uns gut dagegen abstützen. Arbeitet er jedoch rechtwinklig dazu, dorthin, wo ein Melkschemel das dritte Bein hat, haben wir ein Problem.
Wenn wir also im Ernstfall einen Angreifer werfen wollen, müssen wir darauf achten, rechtwinklig zur Verbindungslinie seiner Füße zu arbeiten. Seine Reaktion darauf, nämlich den Fuß genau dort hin zu versetzen, wo er jetzt gebraucht wird, gilt es, durch Blockieren (in der Regel mit dem eigenen Fuß oder einer Hand) zu verhindern.


Tui Shou ist prototypisch dafür, wie körperlich Unterlegene durch größere Geschicklichkeit doch gewinnen können. Offensichtlich wäre es unsinnig, der Kraft des Angreifers die eigene entgegen zu setzen. Klug hingegen ist es, seine Kraft an mir vorbei zu lenken, so wie ein Bach um Felsen herum fließt (vgl. "Element Wasser"). Wenn ein Auto oder eine Faust auf mich zu rasen, versuche ich ja auch nicht, sie mit meiner Muskelkraft zum Stehen zu bringen, sondern weiche zur Seite aus. Ein Judokämpfer, der gegen Jigoro Kano, den Erfinder des modernen Judo, gekämpft hatte, sagte danach: "Es war, als hätte ich eine leere Jacke in der Hand gehabt." Kano bot ihm nicht den für einen Wurf erforderlichen Widerstand.


Ein allgemeines Prinzip, das in der realistischen Selbstverteidigung sehr häufig vorkommt und sich mit Tui Shou gut üben lässt, ist die Kreuzregel:
Die Richtung meiner Abwehr ist immer rechtwinklig zur Richtung des Angriffs. Kommt der Angriff von der Seite, gehe ich nach vorne oder hinten. Kommt der Angriff von vorne oder hinten, gehe ich zur Seite. Kommt der Angriff von oben, gehe ich nach vorne oder hinten oder zur Seite.

Spezial-Übungen zur Kreuzregel:
- Falls Ihnen ein großer Gymnastikball zur Verfügung steht, halten Sie ihn sich vor den Bauch und versuchen Sie, die TeilnehmerInnen damit herum zu schubsen.
- Partner A ergreift von hinten die Arme von Partner B und drückt ihm ein Knie ins Kreuz. Eine einfache Körperdrehung von B lässt A in die Leere fallen.


Übung 7

"Piratenprüfung"
Im Hafen ist ein Piratenschiff eingelaufen, dass neue Matrosen anheuert. Vorher muss der abenteuerlustige Nachwuchs aber erst über die Planke laufen und am übellaunigen, krückstockbewaffneten Hein Bös vorbei kommen: Die TeilnehmerInnen stellen sich am Kopfende einer Schwedenbank auf. Einzeln versuchen sie, es bis zur anderen Seite zu schaffen, während Sie versuchen, sie mit einem Stock daran zu hindern.
Typische Fehler, die es zu verbessern gilt:
- so tun, als gebe es Hein Bös und seine Krücke nicht (= Verstecken für Zweijährige)
- sich am Stock festhalten
- stehen bleiben
- gegen den Stock drücken statt ihn an sich vorbei lenken.




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Benutze Dein Großhirn!   zuletzt geändert am 01.05.2006


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